China 2008 – Ein Erlebnisbericht
Nun folgt eine Zusammenfassung der zweiwöchigen Reise nach Chonqing. Ihr braucht dazu etwas Ruhe, aber ich hoffe, dass Euch dieser letzte Bericht gefällt. 
Rückmeldungen zum China-Projekt
Unsere fünf Studierenden und Absolventen Mariya Leminskaya, Stephanie Mast, Tobias Escher, Matthias Bender und Ralf Brendle sind nun schon wieder seit einigen Wochen zurück in Deutschland. Ihren Erzählungen nach waren die zwei Wochen sehr ereignisreich, nicht nur aufgrund des unvorstellbaren Erdbebens. Aber natürlich stand diese Naturkatastrophe zentral im Mittelpunkt des gesamten Aufenthalts – nach diesem Ereignis lief nichts mehr so weiter, wie es einmal geplant war. Besonders erfreulich fand ich, dass sich unser Ensemble „Accordionsounds – the sino-german accordionensemble“ am großen Benefizkonzert in Chongqing beteiligen konnte, dessen Erlös den Erdbebenopfern zur Verfügung gestellt wurde und das im gesamten Land über das Fernsehen live übertragen wurde (selbst die Tagesschau in der ARD hatte am Abend über dieses Konzert berichtet).
Die Rückmeldungen, die uns in den vergangenen Wochen zu unserem Projekt im Allgemeinen erreichten, waren äußerst positiv und sie haben gezeigt, dass der zweiwöchige Aufenthalt auch nachhaltig eine Wirkung hinterlassen wird. Besonders gefreut haben mich zwei Rückmeldungen von Mitarbeiterinnen des Goethe-Instituts und des deutschen Organisationsteams vor Ort: Unser Projekt, das im Kern auf das gemeinsame Musizieren von deutschen und chinesischen Musikern aufgebaute, hätte aus ihrer Sicht die eigentliche Idee der „Deutschlandpromenade“, für die über 100 Musikerinnen und Musiker aus Deutschland nach China gereist waren, am eindrucksvollsten umgesetzt. Ein großes Kompliment wie ich meine, das auch zeigt, mit welcher Offenheit und mit welchem Verantwortungsbewusstsein unsere fünf Studenten und Absolventen sich während der gesamten Reise eingebracht habe. Fazit: Es hat sich mehr als gelohnt und großes Kompliment und Dankeschön an das Ensemble.
Wie es nun weiter gehen kann, wird sich voraussichtlich in den kommenden Wochen entscheiden, zumindest wie ich hoffe vor der Sommerpause. Insgesamt werden in den kommenden rund zweieinhalb Jahren noch fünf „Deutschlandpromenaden“ stattfinden, die nächste im kommenden November. Es wäre schön, wenn wir an Chongqing anknüpfen könnten…
Impressionen aus China
Da ja nun leider alle Konzerte auf der großen Bühne abgesagt wurden, –zum einen wegen Lärmbelästigung, zum anderen aufgrund des Erdbebens – haben wir versucht, uns selbst irgendwelche Auftritte zu verschaffen. Als Plattform haben wir den Biergarten, wo lustiges Beisammensein mit Chinesen und den anderen deutschen Organisatoren durch musikalische Untermalung unsererseits fokussiert und unterstützt wurde.
An den Tagen Mittwoch und Donnerstag waren wir an der Musikhochschule von Chongqing zu Gast – diese Institution ist ca. eine Autostunde vom Hotel entfernt – . Dort gaben wir Workshops, beantworteten Fragen der chinesischen Akkordeonstudenten, gaben Einzelunterricht und spielten ein Konzert ( im Ensemble und mit Soloeinlagen ).
Donnerstagnachmittag stand im Zeichen der Erholung und des „Relaxens“ :
Nach dem Mittagessen suchten wir eine Massagepraxis auf. Fündlich geworden, ließen wir uns ( Tobias, Ralf und ich ) für 90 Minuten an Füßen, Nacken und Rücken verwöhnen.
Gestern unternahmen wir zusammen mit einem Filmteam eine kleine Schiffsfahrt auf dem Jialing und dem Changjiang – zwei Flüsse, die an einer bestimmten Stelle ineinander laufen und ihre unterschiedlichen Farben, nämlich gelb und braun, miteinander vermischen. Während der Fahrt spielten wir auf dem Schiff ein paar Stücke aus unserem Repertoire. Wieder an Land , wurden wir zusammen interviewt – eine coole Sache – .
Heute steht das Benefizkonzert auf dem Programm. Wir wurden zeitlich soweit gekürzt , dass wir nun 10 Minuten spielen „dürfen“. Verantwortlich dafür, das Propagandaamt. Naja, nichts desto trotz freuen wir uns, neben „Fools Garden“ die einzige deutsche Gruppe zu sein, die mitwirken darf.
OK, wie ihr ja schon aus den vorigen Einträgen wisst, steht das Traditionsbewusste, das heißt, das Kulturelle, hier ganz an erster Stelle. Vor allem beim Essen bekommt man das zu „spüren“ …
Erstens isst man hier nahezu alles, was sich bewegt, zum Beispiel, Hunde, Katzen ( wobei diese Kost in anderen Gebieten noch viel beliebter ist als hier in Chongqing ), Schlangen, Frösche, Käfer… Trotzdem irgendwie verständlich, denn hier gibt es keine Mittelschicht, sondern entweder nur „arm“ , oder „reich“ ! Die Menschen hier sind der Ansicht, dass es der Katze , oder aber auch dem Hund auf keinen Fall besser gehen darf, sollte, als dem Menschen selber. Klingt komisch, und in Deutschland würde man sich eine solche Frage kaum stellen, aber hier in China sind solche Situationen – dass Menschen teils einen geringeren Lebensstandard genießen als Tiere- alltäglich.
Nach dem Erdbeben
Die Stimmung hier in Chongqing ist bedrückt und die Medien voll mit Nachrichten über das Erdbeben. Allerdings geht das Leben hier weiter, da es zum Glück keine schlimmen Schäden bzw. Opfer gegeben hat.
Wegen diesem Unglück sind hier sämtliche Konzerte abgesagt worden. Allerdings wird es am Samstag ein Benefizkonzert für die Opfer geben. Nach einer Rede des Bürgermeisters von Chongqing und des deutschen Botschafters werden chinesische Gruppen und Sänger spielen. Von uns deutschen sind Fools Garden und wir dabei. Einmal werden wir mit Spielern aus der Hochschule gemeinsam musizieren und im zweiten Teil wird Tobias Escher und der Jazzboy auftreten. Die ganze Veranstaltung wird wohl von 19:00 Uhr bis 0:00 Uhr gehen. Ganz am Ende werden wir gemeinsam ein chinesisches Lied, “Wo ai ni Zhongguo”, singen. Das Liedblatt und die CD habe ich schon bekommen. Nun müssen wir nur noch etwas üben. Dort heißt es:
“wo ai ni zhongguo xinaide muqin
wo wei ni liulei ye wei ni zihao
wo ai ni zhongguo xinaide muqin
wo wei ni liulei ye wei ni zihao”
Erdbeben in China
Die Ausmaße des Erdbebens in China sind sehr erschreckend. Immer noch steigt die Anzahl der vermuteten Opfer fast stündlich. Glücklicherweise hat sich bereits kurze Zeit nach dem Beben herausgestellt, dass die fünf Konservatoriumsstudenten und -absolventen, die sich derzeit mit dem Ensemble “Accordionssounds – the sino-german accordionensemble” in Chongqing (Provinz Sichuan) aufhalten, wohlauf sind. Chongqing, das rund 350 km vom Zentrum des Erdbebens entfernt liegt, scheint nicht so sehr betroffen zu sein wie Städte, die derzeit in den Medien auf allen Kanälen gezeigt werden. Die “Deutschlandpromenade”, für die unsere Akkordeonistinnen und Akkordeonisten nach China gereist waren, wird – so wie es scheint – vollständig abgebrochen. In Anbetracht der hohen Zahl von Opfern sicherlich der richtige Schritt und die einzige Handlungsalternative für die Verantwortlichen auf der Seite des Auswärtigen Amtes und der Stadt Chongqing.
Chongqing!
Endlich klappt es hier mit dem Internet und ich kann meinen ersten Blogeintrag schreiben. Wir sind hier nun schon seit einer Woche in Chongqing und es ist so viel passiert. Aber ich möchte zuerst am Anfang beginnen.
Letzten Montag ging es für uns fünf, Tobias Escher, Matthias Bender, Stefanie Mast, Marija Leminskaya und mich auf nach Chongqing in der Region Sichuan. Für unsere Instrumente hatten wir Extraplätze und so auch einen ruhigen, stressfreien Nebensitzer J
Eigentlich verlief der Flug sehr gut, nur in Shanghai mussten wir länger warten, da es wohl nicht alle Tage vorkommt, dass Personen ihre Instrumente mit Extraticket ins Flugzeug mitnehmen.
Gleich am Mittwoch fuhren wir in die pädagogische Hochschule Chongqing zu Prof. Sun. Mit ihm und seinen Studenten spielen wir die Abendkonzerte. Diese Zusammenarbeit ist schon eine echte Herausforderung, sehr spannend und interessant.
Li Tianlong, oder auch „Jazzboy“ genannt ist ein einfach cooler Musiker. Er ist noch sehr jung, aber ich bin wirklich begeistert von ihm. Wir trafen uns schon einige Male mit ihm und seiner Band im Club „Bossa Nova“ und haben einige Jam-Sessions hinter uns. Trompete, chromatische Mundharmonika und Blues Harp beherrscht er wirklich hervorragend und er kann einfach nicht aufhören.
Am Platz gibt es einen Biergarten, in dem wir jetzt auch schon einige Male gespielt haben. Es ist wirklich witzig, wie die Chinesen abgehen. Bratwurst, Sauerkraut, Schnitzel, Kartoffelsalat, Hofbräuhaus Bier und schön warm. Es ist wie im Sommer in Deutschland, bloß verstehen die Chinesen die Trinksprüche nicht J
In den letzten zwei Tagen gab es hier wirklich krasse Ereignisse!
Nach dem Soundcheck am Sonntag kurz vor unserem Auftritt hieß es auf einmal, dass alle Konzerte abgesagt sind. Die Nachbarn hatten sich beschwert, dass die Konzerte zu laut sind und die Anweisung kam von ganz oben!
Jetzt wurde die Bühne über Nacht abgebaut um an einem anderen Platz wieder aufgestellt zu werden. Der Konzertplan wurde kurzfristig geändert, so dass es eben erst ab Donnerstag, wenn die Bühne wieder steht, weitergeht.
Wie ja nun alle in Deutschland mitbekommen haben, gab es hier ein großes Erdbeben. Ich war gerade mit Marija, Steffi, Matthias und unserer Übersetzerin Minna einkaufen, als die Erde bebte. In Wellenbewegungen ging die Erde auf und ab. Zuerst dachte ich, dass ein schwerer LKW vorbeifuhr, doch es hörte nicht auf. Wir liefen heraus und sahen die vielen Menschen, die ins Freie kamen. Geschäfte wurde geschlossen und die Lage wurde ziemlich angespannt. Es gab keinen freien Platz, nur einen engen Gesteig. Auf der einen Seite eine stark befahrene laute Straße und auf der anderen Seite hohe Häuser. Zum Glück war aber das Epizentrum nicht in Chongqing direkt und so hatten wir „nur“ die etwas schwächeren Auswirkungen bemerkt. Eigentlich war das Beben für uns abgehakt. Wir sind weitergegangen und hatten noch einen ziemlich stressigen Tag. Aber nun kamen die schlimmen Meldungen mit vielen Toten und Verletzten und wie ich soeben vom Organisationsteam mitbekommen habe, wird die Veranstaltung komplett abgesagt. Genaueres weiß ich noch nicht, aber viele Bands die unterwegs sind, kehren um oder fliegen erst gar nicht los.
Ich glaube, dass noch eine ziemlich spannende Woche auf uns wartet!
(Wer ein paar Fotos sehen will: www.blog.ralfbrendle.de)
