Wertvolles Original…bereichernde Bearbeitung!
“Jede Notation ist schon Transkription eines abstrakten Einfalls. Mit dem Augenblick, da die Feder sich seiner bemächtigt, verliert der Gedanke seine Originalgestalt.” (Ferucio Busoni, um 1900)
Original und Bearbeitung: diese gewollt “trennenden” Begriffe für existierende Werke bzw. Stücke sind in unserer musischen Gesellschaft zwar einerseits notwendig, um die Urheber festzustellen und auch zu schützen, andererseits, wenn es bei der gedanklichen Auseinandersetzung in der musikalischen Praxis bei dieser strikten Einteilung bleibt, kommen Fragen auf, die nicht mehr so leicht zu beantworten sind… Beispiel: es gibt viele Stücke, die zwar für das Akkordeon herausgegeben wurden, die in ihrer klanglichen Gestalt aber so manch andere Instrumente, nur eben kein Akkordeon “zwingend” machen. Handelt es sich dabei nun wirklich um Originalmusik für Akkordeon? - Oder: schauen Sie sich mal Partituren von Bach oder Mozart oder anderen 1000 Komponisten an, und fragen sich, warum es ausgerechnet für diese oder jene Besetzung herausgegeben ist, und nicht für eine andere…Ich behaupte, die Antwort liegt ganz oft in sehr praktischen, ganz alltäglichen Erwägungen… - Meine einfache Behauptung lautet daher: viele, viele sogenannte “Originalstücke” sind bereits gedankliche Bearbeitungen der Komponisten!
Oft suche ich deswegen nach einer Begründung für die von vielen eingeforderte, schützende ”Unantastbarkeit” mancher Musikstücke. Ich kann sie bisher nicht finden. Die Originale sind ja da und werden es auch bleiben. Ein Bearbeiter sucht die Welt nur zu erweitern, neue Sichtweisen zu finden, wie ein Werk in anderem Klanggewandt vielleicht gar stille, ungehörte Geheimnisse offenbaren kann. Und obschon seit Jahrhunderten viele bedeutende Komponisten und Interpreten auf den großen, bereichernden Wert von Bearbeitungen - sehr häufig aus praktischem Nutzen - für die bunte Musiklandschaft deutlich hingewiesen haben, gibt es nach wie vor den erhobenen Zeigefinger von gewissen Instanzen.
Die geschmackliche Entscheidung, was man musikalisch wiedergibt, liegt jedoch einzig allein bei den ausführenden Interpreten. Blockflötenquartette spielen heute Musik von Herbie Hancock, Saxophonensembles interpretieren Haydn-Streichquartette, Bach brachte zu seiner Zeit Streichkonzerte von Vivaldi auf die Orgel, Liszt bearbeitete Schubert-Lieder für das Klavier, der große Neutöner des 20.Jhdts. Arnold Schönberg arrangierte gar Sinfonien von Gustav Mahler für kleine Kammerensembles - und, wenn man ehrlicherweise ganz genau hinschaut, dann sind viele berühmte Klaviersonaten von Beethoven und Brahms in Ihrer Vielfarbigkeit im Geiste eigentlich Klavierauszüge von Orchesterwerken…
So scheint die Frage nach der Bearbeitung letzlich vor allem mit der Intensität zu tun zu haben, wie jemand sich mit der Musik, die er auf die Bühne bringt, auseinandersetzt. Das vielschichtige Nachspüren der ursprünglichen Partitur beim Übertragen auf eine andere Besetzung erscheint dabei unabdingbar zu sein. So entstehen im Bearbeitungsprozess im Normalfall viele Fragen, vor allem dahingehend, was die gewählte Notation des Komponisten nun eigentlich für die neue Instrumentation bedeutet: wie komme ich an den Stil überhaupt ran, was sind ursprüngliche dynamische Angaben, Artikulation, Klangfarben in der frischen Bearbeitung noch wert? Es sind daher viele Entscheidungen zu treffen, die eine Kenntnis bzw. Erfahrung mit der angestrebten Musik notwendig machen.
Die Akkordeonisten haben inzwischen viel Musik geschrieben bekommen, z.T. auch von bedeutenden Komponisten des 20./21.Jahrhdts. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass man sich als Interpret die Musik, die über viele Jahrhunderte für andere Instrumente geschrieben wurde, unbedingt aneignen muss, um überhaupt die so einschneidende historische Konsequenz der sogenannten “Neuen Musik” - in deren Sprache ein Großteil der für das Akkordeon geschriebenen Musik steht - verstehen zu lernen. Den bedeutenden Reichtum an Stücken und Werken aus vielen Epochen zu ignorieren, scheint mir im Sinne einer gelungenen musikalischen Bildung geradezu fahrlässig zu sein.
Akkordeonisten macht Euch reich! Studiert und spielt Bach, Mozart und ihre so inspirierenden Gefährten, um den Mainstream der musischen Gesellschaft verstehen zu lernen!
