Ensemblespiel - höchste Form des menschlichen Miteinanders
Mit dem Abschluß des aktuellen Sommersemesters 2008 endet meine offizielle Projektarbeit mit dem Ensemble “Art of Accordion”. Ca 3 jahre durfte ich dieses Ensemble, bestehend aus Studenten und - inzwischen - auch Absolventen des Hohner-Konservatoriums, aufbauen und begleiten. Ich konnte ihnen bei ihrem Weg, ihren Ensembleklang zu formen, regelmäßig zuhören und auch selbst dabei viel lernen.
Das musikalische (Zusammen-)Wachsen der 5 Spieler war für mich von Beginn an zentrales Anliegen. Über “Klassiker” wie Bach, Mozart, Reicha, Schumann, Brahms, Balakirew oder Kagel sollte vor allem die inhaltliche Ausdrucksfähigkeit gefördert werden, mit Gershwin, Piazzolla, Hancock, Abuh-Khalil, oder auch Christian Billians Hip-Hop-Turm - und als Probenzuckerl auch mal eine Oberkrainer-Polka - wurden gleichermaßen auch popularmusikalische Stile ins Repertoire mitaufgenommen.
“Zuhören”, “Kommunikation”, “Wahrnehmung”, “Nachdenken” wurden mit der Zeit zu zentralen Themengebieten bei der Qualitätsfindung des Ensembles. Immer wieder ging es um das “Ich” und das “Wir” in der idealen Balance zum Gesamtgefüge, die maximale Ausdrucksfähigkeit jedes einzelnen, abgestimmt auf den jeweils zum Stil passenden Ensembleklang.
In der Kammermusik gibt es für meine Begriffe kaum eine schwierigere Aufgabe, als mehreren gleichen Instrumenten zur klanglichen Transparenz zu verhelfen. Ich wollte von Anfang an unbedingt weg vom “Einheitsklang” des traditionellen Akkordeonensembles. Die fünf Studenten sollten beginnen verstehen zu lernen, was es bedeutet ein Kammermusiker zu sein, ausgestattet mit einer reichen Palette an klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten, an Flexibilität, sich mit möglichst vielen Facetten seiner ganzen Persönlichkeit in den sozialen Prozess eines Ensembles einbindend. Und: sie sollten gleichermaßen den ideellen Wert verstehen lernen, aus geistig-musikalischer Unabhängigkeit heraus selbstandig handeln zu können.
So ging das, durch großen Übe- und Probeneinsatz aller 5 Ensemblespieler, stetige Reifen der Musik einher mit dem persönlichen sozialen Wachsen jedes einzelnen Mitglieds. Über 30 Konzerte bzw. Auftritte (z.B. Musikmesse Frankfurt, Würth-Museum, div. Kulturkreise) wurden in dieser Zeit bestritten. Zwischendurch lud ich auch den Schauspieler Florian Rexer ein. Er sollte mit dem Ensemble einen praktischen Workshop bezüglich unserer Themen “Wahrnehmung” und “Kommunikation” durchführen. Dieses anfängliche “Experiment”, bei dem Grundübungen aus der Schauspielschule kennengelernt und geübt wurden (z.B. das “3-Wege-Spiel”… Interessenten können gerne nachfragen was es damit auf sich hat…) war ein nachhaltiger Impuls für jedes einzelne Mitglied, beim Spüren und Verstehen vieler künstlerischer und sozialer Prozesse innerhalb der Gruppe. In den Probewochen danach jedenfalls wurde mir nur bestätigt, dass ein weiterer wichtiger Groschen gefallen war, in der nach und nach aufkommenden Weitsicht, was man beim gemeinsamen Musizieren eigentlich alles erleben kann, wieviel Gefühlsebenen im so reichen Land der Musik zu erreichen möglich sind, wenn man lernt, seine gesamte Persönlichkeit in den Gruppenprozess einzubringen. (Der erste Schritt dabei ist - das wissen nun alle - sich selbst kennenzulernen…)
Die sehr oft erwähnten äußerlichen Erfolge und Ehrungen dieses Ensembles bei internationalen Wettbewerben sind weitgehend bekannt. Der eigentliche, und viel nachhaltigere Wert dieses Projekts jedoch aber liegt - aus meiner pädagogischen Sicht als verantwortlicher Dozent - in der Persönlichkeitsbildung jedes einzelnen Mitglieds.
Die 5 sind sich einig, dass sie in jeden Fall in dieser Formation weitermachen wollen. Und mit den gesetzten Zielen werden noch viele Menschen Freude an ihrer Musik haben können. Da bin ich mir sicher. Die CD wird Anfang nächsten Jahres auf den Markt kommen. Eine “Art-of-Accordion-Edition” ist außerdem angedacht, die ein erweiterter Beitrag zur Bildung von pädagogischer Ensembleliteratur werden soll.
Ich danke an dieser Stelle der Schulleitung des Konservatoriums für die Bereitstellung der Rahmenbedingungen dieses Projekts, sowie der Firma Hohner für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Vor allem bedanke ich mich aber bei Sarah Staiger, Michaela Hepp, Alexander Cargnelli, Clemens Tschallener und Ralf Brendle für das große Interesse, die Leistungsbereitschaft und überhaupt, für die spannende Zeit beim gemeinsamen Modelieren von “Art of Accordion”!
