Archiv der ‘Andreas Nebl’ Kategorie
Weisheiten (1)
“The most important thing for a musician is to love the music.” (Astor Piazzolla, 1983)
”Bei der Liebe geht es nicht um ein Objekt, sondern um eine Fähigkeit, die verlangt, daß man etwas weiß und keine Mühe scheut.” (Erich Fromm, 1956)
Begeisterte Kinder und Jugendliche beim Brix´ner Sommerkurs “Akkordeon Plus”
Bereits zum zehnten mal (!) war ich diesen Sommer beim Kurs “Akkordeon Plus” als Dozent eingeladen, der jedes Jahr im August in Brixen (I) stattfindet. Wie immer kamen zahlreiche Kinder und Jugendliche aus Südtirol – inzwischen auch aus Österreich und Deutschland – zum einwöchigen Kurs. Dieses Ereignis erfreut sich jedes Jahr eines kontinuierlichen Wachsens, dieses mal waren es bereits 48 Teilnehmer.
Mit Karl Huber (Bozen – Absolvent des Hohner-Konservatoriums), der den Kurs mit sehr viel Engagement organisiert, Hans Maier (Trossingen/Bad AIbling), Claudia Buder (Weimar), Volker Rausenberger (Freiburg – Absolvent des Hohner-Konservatoriums), Harald Pröckl (Innsbruck – Absolvent des Hohner-Konservatoriums), Miriam Roner (Trossingen/Bozen), Leonhard Tutzer (Bozen), sowie Karin Peer (Bozen) und Christine Marsoner (Brixen) sind in unserem Dozententeam eine Reihe prominenter Pädagogen.
Neben dem täglichen Hauptinhalt, dem “Soloakkordeon”, bekamen die Teilnehmer in diesem Jahr auch wieder Unterricht im Ensemblespiel, Kammermusik, Improvisation, Chor-Stimmbildung, und Rhythmik. Die beiden Dozentinnen Karin Peer und Christine Marsoner sorgten außerdem für die wichtige liebevolle Rundumbetreuung der jüngeren Teilnehmer. Natürlich gibt es in Brixen auch immer eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung, wie z.B. gemeinsames Grillen, oder ausgelassene Spieleabende.
Die 13-jährige Sandra aus Bozen sagte mir einmal während einer Unterrichtsstunde, dass sie sich das ganze Jahr über auf den Sommerkurs freue, weil sie hier immer Gleichgesinnte treffe, und sie habe nach dieser Woche immer “total Lust” neue Stücke anzufangen. Mit ihr habe ich z.B. im Unterricht einen Akkordeon-Solotango für Akkordeon und Klavier arrangiert, was uns beiden großen Spaß bereitet hatte. Natürlich haben wir dieses Stück auch beim Abschlußkonzert zusammen aufgeführt, bei dem alle Eltern und Freunde aufmerksam zugehört haben.
Dieser Kinder- und Jugendkurs hat für mich einen besonderen Stellenwert, weil er zum einen von seinem leitenden Dozenten Karl Huber mit viel Weitsicht und Suche nach prägenden Inhalten geplant wird – ich probte z.B. gleich jeden Morgen, gewissermaßen als “Gehörtraining”, mit einem kleinen Ensemble 4-stimmige Bachchoräle - zum anderen herrscht zwischen den Dozenten ein sehr kreativer, offener Geist. In diesem Jahr war auch zum ersten mal ein Cembalolehrer mit dabei, der ebenfalls Einzelunterricht angeboten hat. Dadurch kamen auch bemerkenswerte Kammermusikduos mit Akkordeon und Cembalo zustande, die sehr reizvoll musizierten. Neues entstand. Bis zum nächsten mal!
ANDREAS NEBL
Herzliche Gratulation zur Hochzeit!
Wir, Ralf Brendle, Alexander Cargnelli, Sarah Staiger, Clemens Tschallener und Michaela Hepp, wollen Andreas Nebl und Naoko Takeuchi herzlichst zur Hochzeit gratulieren und Ihnen alles Liebe und Gute für ihre weitere gemeinsame Zukunft wünschen.
Es war uns eine große Freude und Ehre die Hochzeit musikalisch mitgestalten zu dürfen!
Wertvolles Original…bereichernde Bearbeitung!
“Jede Notation ist schon Transkription eines abstrakten Einfalls. Mit dem Augenblick, da die Feder sich seiner bemächtigt, verliert der Gedanke seine Originalgestalt.” (Ferucio Busoni, um 1900)
Original und Bearbeitung: diese gewollt “trennenden” Begriffe für existierende Werke bzw. Stücke sind in unserer musischen Gesellschaft zwar einerseits notwendig, um die Urheber festzustellen und auch zu schützen, andererseits, wenn es bei der gedanklichen Auseinandersetzung in der musikalischen Praxis bei dieser strikten Einteilung bleibt, kommen Fragen auf, die nicht mehr so leicht zu beantworten sind… Beispiel: es gibt viele Stücke, die zwar für das Akkordeon herausgegeben wurden, die in ihrer klanglichen Gestalt aber so manch andere Instrumente, nur eben kein Akkordeon “zwingend” machen. Handelt es sich dabei nun wirklich um Originalmusik für Akkordeon? – Oder: schauen Sie sich mal Partituren von Bach oder Mozart oder anderen 1000 Komponisten an, und fragen sich, warum es ausgerechnet für diese oder jene Besetzung herausgegeben ist, und nicht für eine andere…Ich behaupte, die Antwort liegt ganz oft in sehr praktischen, ganz alltäglichen Erwägungen… - Meine einfache Behauptung lautet daher: viele, viele sogenannte “Originalstücke” sind bereits gedankliche Bearbeitungen der Komponisten!
Oft suche ich deswegen nach einer Begründung für die von vielen eingeforderte, schützende ”Unantastbarkeit” mancher Musikstücke. Ich kann sie bisher nicht finden. Die Originale sind ja da und werden es auch bleiben. Ein Bearbeiter sucht die Welt nur zu erweitern, neue Sichtweisen zu finden, wie ein Werk in anderem Klanggewandt vielleicht gar stille, ungehörte Geheimnisse offenbaren kann. Und obschon seit Jahrhunderten viele bedeutende Komponisten und Interpreten auf den großen, bereichernden Wert von Bearbeitungen – sehr häufig aus praktischem Nutzen – für die bunte Musiklandschaft deutlich hingewiesen haben, gibt es nach wie vor den erhobenen Zeigefinger von gewissen Instanzen.
Die geschmackliche Entscheidung, was man musikalisch wiedergibt, liegt jedoch einzig allein bei den ausführenden Interpreten. Blockflötenquartette spielen heute Musik von Herbie Hancock, Saxophonensembles interpretieren Haydn-Streichquartette, Bach brachte zu seiner Zeit Streichkonzerte von Vivaldi auf die Orgel, Liszt bearbeitete Schubert-Lieder für das Klavier, der große Neutöner des 20.Jhdts. Arnold Schönberg arrangierte gar Sinfonien von Gustav Mahler für kleine Kammerensembles - und, wenn man ehrlicherweise ganz genau hinschaut, dann sind viele berühmte Klaviersonaten von Beethoven und Brahms in Ihrer Vielfarbigkeit im Geiste eigentlich Klavierauszüge von Orchesterwerken…
So scheint die Frage nach der Bearbeitung letzlich vor allem mit der Intensität zu tun zu haben, wie jemand sich mit der Musik, die er auf die Bühne bringt, auseinandersetzt. Das vielschichtige Nachspüren der ursprünglichen Partitur beim Übertragen auf eine andere Besetzung erscheint dabei unabdingbar zu sein. So entstehen im Bearbeitungsprozess im Normalfall viele Fragen, vor allem dahingehend, was die gewählte Notation des Komponisten nun eigentlich für die neue Instrumentation bedeutet: wie komme ich an den Stil überhaupt ran, was sind ursprüngliche dynamische Angaben, Artikulation, Klangfarben in der frischen Bearbeitung noch wert? Es sind daher viele Entscheidungen zu treffen, die eine Kenntnis bzw. Erfahrung mit der angestrebten Musik notwendig machen.
Die Akkordeonisten haben inzwischen viel Musik geschrieben bekommen, z.T. auch von bedeutenden Komponisten des 20./21.Jahrhdts. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass man sich als Interpret die Musik, die über viele Jahrhunderte für andere Instrumente geschrieben wurde, unbedingt aneignen muss, um überhaupt die so einschneidende historische Konsequenz der sogenannten “Neuen Musik” - in deren Sprache ein Großteil der für das Akkordeon geschriebenen Musik steht - verstehen zu lernen. Den bedeutenden Reichtum an Stücken und Werken aus vielen Epochen zu ignorieren, scheint mir im Sinne einer gelungenen musikalischen Bildung geradezu fahrlässig zu sein.
Akkordeonisten macht Euch reich! Studiert und spielt Bach, Mozart und ihre so inspirierenden Gefährten, um den Mainstream der musischen Gesellschaft verstehen zu lernen!
Debut-Konzert in Japan
Vor vielen Jahren begann mir ein Freund von einem Buch zu schwärmen, das in der Folgezeit mein Leben verändern sollte: “Zen – in der Kunst des Bogenschiessens” von Eugen Herrigel. Es erzählt die Geschichte eines deutschen Philosophieprofessors, der einige Jahre in Japan lebte, und neben seiner beruflichen Tätigkeit an einer Universität sich auf den Weg machte, in Begleitung eines Zen-Meisters, sich der Kunst des Bogenschiessens zu nähern. Die Art und Weise, wie der Zen-Meister seinen Schüler dabei vor allem zu sich selbst führte, schaffte mir im Bewußtsein ein neuartiges Bild eines – ich nenne es sehr gerne – “gesund-wachsenden” Lernvorgangs, dessen Grundhaltung mir allerdings – bei aller Bescheidenheit – in seiner gewissen intuitiven Art wiederum nicht nur neu war. Jedenfalls treffe ich bis zum heutigen Tage immer wieder Musiker, die ähnlich beeindruckt über dieses Buch sprechen, die ebenfalls sagen, es habe ihnen weit mehr über Musik und das Menschsein geöffnet, als jedes andere Buch über das Üben, oder die Musik generell! -
Der asiatische Kulturbereich, und Japan im besonderen, begann mich fortan zu berühren. Ich studierte Stücke asiatischer Komponisten, und lernte vor allem Menschen kennen, die mir eine Ahnung von der asiatischen Geisteshaltung schenken konnten.
Nach vielen Jahren des Fantasienährens, war es für mich vor ein paar Monaten nun endlich so weit: ich machte meine erste Reise in dieses Land, das mir so viele anregende Botschaften im voraus geschickt hatte. In einem von Harmonie erfüllten japanischen Garten zu weilen, einer traditionellen Teezeremonie beizuwohnen, die Sho-Spielerin Mayumi Miyata live zu hören (die Sho ist das Vorläuferinstrument des heutigen Akkordeons bzw. Mundharmonika), im modernen, abgefahrenen Shibuya, einem Stadtteil Tokyos im Strom eines exzentrischen Jugendkults zu wandern. Ich bekam endlich “mein” Japan vor Augen geführt.
Zusammen mit meiner Frau und Spielpartnerin Naoko Takeuchi - der ehemaligen Mundharmonika-Weltmeisterin - bestritt ich mein erstes Konzert in Japan.
Es war alles bestens organisiert, ein perfekter Kammermusiksaal, selbst das Licht war sehr professionell ausgeleuchtet. Der Saal in Lili´s Hall zu Yokohama war ausverkauft. Wir spielten ein wunderbares Konzert in einem fein ausgeloteten Rahmen. Natürlich musste ich als Deutscher auf der Bühne auch ein paar Sätze Japanisch sprechen! - Die Reaktionen nach dem Konzert gingen mir dann sehr nah. Zum einen gab es eine Menge an Blumen, Autogrammwünschen und CD-Käufen. Aber vor allem, mit welchem Respekt wir als Musiker behandelt wurden, wie herzensverbunden die Konzertbesucher auf uns zugingen, wie sie über ihr Erlebtes an Klang berichteten, hatte eine ganz besondere Liebenswürdigkeit, Freude und Konzentration. -
Ein Musikinstrument zu spielen, damit in eine andere Kultur zu gehen, sich dort zu zeigen, Menschen damit anzusprechen, einen herzlichen Austausch anzuregen – Menschenherz was willst Du mehr?! So fuhren wir in der Nacht nach dem Konzert beseelt mit einem Auto voller schöner Blumen zurück zum Elternhaus meiner Frau.
Im Dezember wird unser nächstes Konzert in Kyoto sein.
Ensemblespiel – höchste Form des menschlichen Miteinanders
Mit dem Abschluß des aktuellen Sommersemesters 2008 endet meine offizielle Projektarbeit mit dem Ensemble “Art of Accordion”. Ca 3 jahre durfte ich dieses Ensemble, bestehend aus Studenten und – inzwischen – auch Absolventen des Hohner-Konservatoriums, aufbauen und begleiten. Ich konnte ihnen bei ihrem Weg, ihren Ensembleklang zu formen, regelmäßig zuhören und auch selbst dabei viel lernen.
Das musikalische (Zusammen-)Wachsen der 5 Spieler war für mich von Beginn an zentrales Anliegen. Über “Klassiker” wie Bach, Mozart, Reicha, Schumann, Brahms, Balakirew oder Kagel sollte vor allem die inhaltliche Ausdrucksfähigkeit gefördert werden, mit Gershwin, Piazzolla, Hancock, Abuh-Khalil, oder auch Christian Billians Hip-Hop-Turm – und als Probenzuckerl auch mal eine Oberkrainer-Polka – wurden gleichermaßen auch popularmusikalische Stile ins Repertoire mitaufgenommen.
“Zuhören”, “Kommunikation”, “Wahrnehmung”, “Nachdenken” wurden mit der Zeit zu zentralen Themengebieten bei der Qualitätsfindung des Ensembles. Immer wieder ging es um das “Ich” und das “Wir” in der idealen Balance zum Gesamtgefüge, die maximale Ausdrucksfähigkeit jedes einzelnen, abgestimmt auf den jeweils zum Stil passenden Ensembleklang.
In der Kammermusik gibt es für meine Begriffe kaum eine schwierigere Aufgabe, als mehreren gleichen Instrumenten zur klanglichen Transparenz zu verhelfen. Ich wollte von Anfang an unbedingt weg vom “Einheitsklang” des traditionellen Akkordeonensembles. Die fünf Studenten sollten beginnen verstehen zu lernen, was es bedeutet ein Kammermusiker zu sein, ausgestattet mit einer reichen Palette an klanglichen Ausdrucksmöglichkeiten, an Flexibilität, sich mit möglichst vielen Facetten seiner ganzen Persönlichkeit in den sozialen Prozess eines Ensembles einbindend. Und: sie sollten gleichermaßen den ideellen Wert verstehen lernen, aus geistig-musikalischer Unabhängigkeit heraus selbstandig handeln zu können.
So ging das, durch großen Übe- und Probeneinsatz aller 5 Ensemblespieler, stetige Reifen der Musik einher mit dem persönlichen sozialen Wachsen jedes einzelnen Mitglieds. Über 30 Konzerte bzw. Auftritte (z.B. Musikmesse Frankfurt, Würth-Museum, div. Kulturkreise) wurden in dieser Zeit bestritten. Zwischendurch lud ich auch den Schauspieler Florian Rexer ein. Er sollte mit dem Ensemble einen praktischen Workshop bezüglich unserer Themen “Wahrnehmung” und “Kommunikation” durchführen. Dieses anfängliche “Experiment”, bei dem Grundübungen aus der Schauspielschule kennengelernt und geübt wurden (z.B. das “3-Wege-Spiel”… Interessenten können gerne nachfragen was es damit auf sich hat…) war ein nachhaltiger Impuls für jedes einzelne Mitglied, beim Spüren und Verstehen vieler künstlerischer und sozialer Prozesse innerhalb der Gruppe. In den Probewochen danach jedenfalls wurde mir nur bestätigt, dass ein weiterer wichtiger Groschen gefallen war, in der nach und nach aufkommenden Weitsicht, was man beim gemeinsamen Musizieren eigentlich alles erleben kann, wieviel Gefühlsebenen im so reichen Land der Musik zu erreichen möglich sind, wenn man lernt, seine gesamte Persönlichkeit in den Gruppenprozess einzubringen. (Der erste Schritt dabei ist – das wissen nun alle – sich selbst kennenzulernen…)
Die sehr oft erwähnten äußerlichen Erfolge und Ehrungen dieses Ensembles bei internationalen Wettbewerben sind weitgehend bekannt. Der eigentliche, und viel nachhaltigere Wert dieses Projekts jedoch aber liegt – aus meiner pädagogischen Sicht als verantwortlicher Dozent – in der Persönlichkeitsbildung jedes einzelnen Mitglieds.
Die 5 sind sich einig, dass sie in jeden Fall in dieser Formation weitermachen wollen. Und mit den gesetzten Zielen werden noch viele Menschen Freude an ihrer Musik haben können. Da bin ich mir sicher. Die CD wird Anfang nächsten Jahres auf den Markt kommen. Eine “Art-of-Accordion-Edition” ist außerdem angedacht, die ein erweiterter Beitrag zur Bildung von pädagogischer Ensembleliteratur werden soll.
Ich danke an dieser Stelle der Schulleitung des Konservatoriums für die Bereitstellung der Rahmenbedingungen dieses Projekts, sowie der Firma Hohner für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Vor allem bedanke ich mich aber bei Sarah Staiger, Michaela Hepp, Alexander Cargnelli, Clemens Tschallener und Ralf Brendle für das große Interesse, die Leistungsbereitschaft und überhaupt, für die spannende Zeit beim gemeinsamen Modelieren von “Art of Accordion”!
Besonderer Service
Als ich vor 3 Wochen beim “Deutschen Akkordeon-Ensemble-Wettbewerb” in Berlin war, hatte ich mir vorgenommen an einem freien Abend zum Konzert der Berliner Philharmoniker mit dem Pianisten Maurizio Pollini zu gehen (Beginn 20 Uhr). Dann, ein paar Tage vor dem Konzert kam in den Medien die Meldung: “Die Philharmonie hat gebrannt!” Ich bekam alsbald – für mich als besonderen Service – vom Kartenbüro der Berliner Philharmoniker einen Anruf, mit der Mitteilung, dass das geplante Konzert wie vorgesehen am selben Abend stattfindet, dass es jedoch nicht in der Philharmonie, sondern auf der Berliner Waldbühne als “Open Air”-Konzert gespielt werde.
An einem herrlichen Frühlingsabend (mit spätsommerlichen Temperaturen) fuhr ich also mit der S-Bahn hinaus zur Berliner Waldbühne. Als ich schließlich zehn vor Acht ankam, hörte ich schon von weitem den Orchesterklang, der mir von früheren Konzerten aus der Philharmonie bekannt war. Schreck lass nach! Die spielen ja schon!!! Eine Frau am Kartenhäuschen sagte mir dann mitleidig, dass das Konzert bereits um 19 Uhr begann. – Ich war zunächst enttäuscht, dass ich die Vorverlegung des Konzertbeginns nicht mitbekommen hatte, dass man es mir nicht am Telefon ausdrücklich gesagt hatte. So fuhr ich, ohne irgendwelche Personalien hinterlassen zu haben, mit der S-Bahn einigermaßen frustriert wieder in die Stadt zurück.
Nun, vor ein paar Tagen bekam ich wieder einen Anruf – vom Kartenbüro der Berliner Philharmoniker: eine sehr freundliche Dame am Telefon teilte mir mit, sie würden mir, da ich das Konzert an der Waldbühne nicht miterleben konnte, die Kosten für die Karte ersetzen. (!) Ich bedankte mich ebenso freundlich, und saß nach Beendigung des Telefonats einigermaßen verblüfft weilend in meinem Sessel. -
Das Geld wurde gestern tatsächlich an mich zurück überwiesen. -
Lieber Blogleser, jeder weiß, die Berliner Philharmoniker haben ein riesengroßes Publikum über die ganze Welt verteilt. Die hätten es – bei anderer Haltung zu Ihrem Schaffen – vielleicht “nicht nötig” einem einzelnen Konzertbesucher hinterherzurennen, gerade in Zeiten, wenn es das Schicksal durch diesen Brand in der Philharmonie nicht so gut mit ihnen meint. Ich fand es geradezu rührend, dass ich nach Durchführung der Veranstaltung – ohne dabei selbst irgendwelche Klagen geäußert zu haben – eben noch diesen 2.Anruf bekam.
Ich bekam dadurch wirklich den Eindruck vermittelt, das “Besondere” der Berliner Philharmoniker liegt nicht nur in der außerordentlichen musikalischen Qualität des Orchesters und seinem Dirigenten, sondern auch in der Gesamtorganisation dieser kulturellen Einrichtung.
Das Wesen und sein Klang
Gerade komm ich vom Trossinger Kesselhaus und der EM-Schmach der deutschen Mannschaft gegen Kroatien ins Konservatorium zurück. Die Kroaten. Die Deutschen. Ganz andere Typen. Was ist eigentlich eine Nation? Das Wesen einer Nation? Wo liegt dieses Wesen? Und, wo findet man dieses Wesen in der Musik? Manche Pianisten sagen, Chopin, Debussy und Ravel kämen dem zentralen “Wesen” des Klaviers sehr Nahe. Sie verleihen diesem Instrument ein poetisches Eigenleben. Wo liegt eigentlich das Wesen im Akkordeonklang? Gibt es Musiker, Komponisten, die es schon berühren konnten? Ist der Tango vielleicht ein Stil der diesen schon geschafft hat? Volksmusikanten schwören – zum Teil auf die Seele ihrer Mutter – auf die Akkord(-eon)-Begleitfiguren eines Slavko Avsenik.
Nun ich, wenn ich die asiatische Musik eines Hosokawa höre, die sich auf die jahrtausendalte japanische Musiktradition bezieht, so höre ich im Akkordeon so etwas wie eine Öffnung, den puren Klang, der sich entfaltet, ohne irgendwelchen Klischees gerecht werden zu wollen. Dieses reine Hören suche ich, es macht mich frei.




