Archive vom April 2009
Piazzollas “Aconcagua” im Trossinger Konzerthaus - fünf Fragen an den Solisten Andreas Nebl
Im Rahmen von “Akkordeon grenzenlos 2009“ kam Astor Piazzollas “Aconcagua”
für Akkordeon Solo, Percussion und Streicher zur Aufführung durch die Württembergische Philharmonie Reutlingen und dem Solisten Andreas Nebl, einem unserer Dozenten am Hohner-Konservatorium. Nachdem das Projekt, das bereits vor über zwei Jahren in Bezug auf die Planung auf den Weg gebracht wurde, beantwortete Andreas Nebl einige Fragen zu verschiedenen Aspekten des Konzertprojektes:
Frage: Wie sind Sie auf die Komposition aufmerksam geworden?
Seit Jahren beschäftige ich mich sehr intensiv mit der Musik Astor Piazzollas. Als ich vor zwei Jahren in Buenos Aires war, bin ich in einem kleinen CD-Laden auf eine Aufnahme des Konzertes „Aconcagua“ gestoßen. Seither wuchs der Wunsch in mir, dieses 20-Minuten-Werk selbst mit einem professionellen Orchester auf die Bühne zu bringen.
Frage: Wie würden Sie die Komposition beschreiben?
Piazzolla eifert hier in der gewählten Dreisätzigkeit ganz offensichtlich klassischen Formidealen (schnell-langsam-schnell) nach, trotzdem bleibt er seinem archaischen Grundtemperament treu. Aconcagua hat insgesamt etwas sehr Verbindendes, zwischen Folklore und Klassik, zwischen Europa und Südamerika. Auch zwischen Solist und Orchester findet eine große Nähe statt: nicht nur zu Beginn hört man zwischen beiden Partnern raffiniert organisierte Polyrhythmen, man erlebt auch im Laufe des Stücks so etwas wie einen echten Bandcharakter, bei dem das Orchester mehr Rhythmusgruppe denn konzertierender Klangkörper ist. Auch kammermusikalische Strukturen wie im 2.Satz, binden den Solisten sehr nahe an das Orchester. Aber: Irgendwo ist Tango eben immer wieder Tango - im Falle von Aconcagua ausgesprochen ideenreich in eine sehr große Form gegossen.
Frage: Welche Möglichkeiten bzw. Schwierigkeiten gibt es bei der Übertragung vom Bandoneon auf das Akkordeon?
Bei zahlreichen Gesprächen in der Vergangenheit zu diesem Thema mit anderen Akkordeonisten kristallisierten sich immer wieder zwei grundsätzliche Meinungen heraus: entweder man sucht einen „akkordeonistischen“ Weg, mit den gängigen Spieltechniken des Akkordeons, oder man orientiert sich radikal am Klangideal des Bandoneons. Für mich selbst kam nur diese letztere Variante in Frage. Das charakteristische Drücken, Schlagen, Quetschen des Instruments gehört für mich unmittelbar zum Charakter dieser Musik. So wurde meine Vorbereitung zu Aconcagua zum gänzlichen Loslösen von allen klassischen Spielmustern. Ich suchte gewissermaßen den anarchistischen Weg, das Akkordeon im Extremfall auch zum Schreien zu bringen. Auch Musik von Igor Strawinsky inspirierte mich bei diesem Vorhaben sehr.
Frage: Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester erlebt?
Es war eine großartige Erfahrung, zum einen mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, einem professionellen Orchester im Rücken zu musizieren, und zum anderen, mit dem Dirigenten Norichima Iimori, einer wirklich außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit, auch im Vorfeld zusammenzuarbeiten. Für mich war es dann letztlich eine physische Herausforderung, mich klanglich mit dem z.T. sehr dichten Orchestersatz zu verbinden. Nach der einzigen Probe mit dem vollen Orchester am Tag vor dem Konzert wusste ich es dann hautnah: ich musste für den Charakter der Musik wirklich „um mein Leben“ spielen, wenn ich ausdrücken wollte, was ich mir vorgenommen hatte!
Frage: Welche weiteren Kompositionen würden Sie gerne als Solist mit Orchester aufführen?
Inzwischen gibt es eine Reihe von Werken dieser Gattung mit zum Teil bemerkenswerten Inhalten. Sehr interessant finde ich zum Beispiel Manuel Hidalgos „Introduktion und Fuge“ nach der Hammerklaviersonate von L.v.Beethoven für Akkordeon und Orchester, auch „Voyage V“ (Extasis) von Toshio Hosokawa, oder Fabio Nieders „Camminata sogno 21 martedi agosto 1945“. Ein erfüllter Lebenstraum wäre für mich eine Gesamteinspielung aller Bachschen Cembalokonzerte mit Akkordeon und Kammerorchester.
Gelungener Auftakt mit Mario Nortmann und Christian Möller
Am gestrigen Abend eröffneten Mario Nortmann und Christian Möller, beide Absolventen des Hohner-Konservatoriums, Akkordeon grenzenlos 2009. Ihr Konzert stellte das Instrument Akkordeon in ganz anderen und ganz neuen musikalischen Kontexten vor - eben “Akkordeon grenzenlos”. Heute geht es weiter mit „Jazz’n comedy“ (Anika Köse, Matthias Anton und Hans-Günther Kölz).
Prof. Dr. Hans Günther Bastian im Gespräch
Die Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände, für die ich als Geschäftsführer neben dem Hohner-Konservatorium tätig bin, zeichnet einmal jährlich Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens mit der Hans Lenz-Medaille aus. In diesem Jahr wird diese Medaille - übrigens im Rahmen des DAM in Baden-Baden - an Herrn Prof. Dr. Hans Günther Bastian überreicht. Die Laudatio und die Übergabe wird vom Präsidenten der BDO, Herrn Ernst Burgbacher MdB durchgeführt werden. Ich hatte in dieser Woche die Gelegenheit, drei Fragen an Herrn Prof. Bastian zu stellen. Das sich hieraus ergebene Interview haben und werden wir im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit bei der BDO ab morgen veröffentlichen und kommunizieren. Ich finde, dass Herr Prof. Bastian sehr gute, konstruktive und auch hilfreiche Gedanken äußerst. Zudem ist er - und das bestätigen sicherlich alle Personen die ihn kennen - eine äußerst sympathische und zuvorkommende Person. Ich freue mich schon sehr auf die Verleihung in Baden-Baden im Juni dieses Jahres. Anbei nun aber der Pressebericht mit dem Kurz-Interview:
Prof. Dr. Hans Günther Bastian im Gespräch
Die Hans Lenz-Medaille der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (BDO) wird im Jahr 2009 an Prof. Dr. Hans Günther Bastian verliehen. Diese Entscheidung teilte das Präsidium der BDO vor einigen Tagen mit. Aus diesem Anlass unterhielt sich Erik Hörenberg, Geschäftsführer der BDO, mit dem renommierten Musikpädagogen und Wissenschaftler.
Erik Hörenberg: Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Bastian. Sie erhalten in diesem Jahr die Hans Lenz-Medaille der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (BDO), der Dachorganisation der instrumentalen Laienmusik in Deutschland. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Prof. Dr. Hans Günther Bastian: In meiner beruflichen Biografie war und bin ich der Laienmusik stets eng verbunden, sei es in Theorie und Praxis, in Wissenschaft und Forschung. Auch in der Liste meiner Publikationen spiegelt sich immer wieder mein Kontakt zur Laienmusik, deren musikalische und gesellschaftliche Bedeutung zu betonen, ich nicht müde werde. Meine Gedanken und Thesen münden in Appellen zu stärkerem Selbstbewusstsein und zu deutlicherem Eigenprofil der Laienmusik in der politischen und fachlichen Öffentlichkeit. Überflüssig scheint mir der Hinweis, dass es “die”Laienmusik nicht gibt, sondern dass sich hinter dem theoretischen Konstrukt „die“ eine äußerst pluralistische und heterogene Musiklandschaft auftut, eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppierungen und Musikern, Vereinen und Organisationen.
Von dieser größten deutschen Dachorganisation der instrumentalen Laienmusik in diesem Jahr 2009 als Preisträger ausgezeichnet zu werden, ist mir eine wertvolle Anerkennung meiner Arbeit und eine besondere persönliche Ehrung. Eine solche Würdigung macht mich dankbar und verpflichtet mich zugleich zu weiterem Engagement.
Erik Hörenberg: Die BDO engagiert sich intensiv - wie viele andere Verbände und Organisationen auch - für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen musikalischer Bildung in Deutschland. Wo sehen Sie für die Zukunft den größten Handlungsbedarf, damit das „Musikland Deutschland“ auch langfristig ein Musikland bleiben wird?
Prof. Dr. Hans Günther Bastian: Ein Blick in aktuelle Statistiken unseres Musiklebens belegt eindrucksvoll, was Kenner der Szene seit langem beobachten: Laienmusizieren erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Darum ist richtig: Deutschland ist nach wie vor ein Land der Musik. Doch gleichzeitig sehe ich einen grassierenden musikalischen Analphabetismus, der sich speist und nährt aus weitgehend liedlosen Familien, aus musikalisch noch immer unzureichend qualifizierten Erzieherinnen in Kindergärten, aus einem eklatanten Unterrichtsausfall im Fach Musik an Grundschulen und aus der leidigen Epochalisierung von Kunst und Musik in der Sekundarstufe. Und indem ich diese Schwachstellen benenne, verweise ich zugleich auf dringend notwendigen (etymologisch heißt das doch: den die Not wendenden) Handlungsbedarf an wichtigen Schaltstellen musikalischer Bildung. Familien müssten Keimzellen musikalischer Primärerfahrungen sein, Kindergärten und Grundschulen müssten ihren (musikalischen) Bildungsauftrag ernster nehmen als dies nach meinen Beobachtungen der Fall ist. Doch vieles ist unter anderem nach den Veröffentlichungen unserer Ergebnisse aus der Berliner Wirkungsstudie in Bewegung geraten (Jeki in NRW, Klassenmusizieren, musikalische Grundschulen, Profilschulen Musik u.a.).
Tatsache aber ist noch immer: Genau in den Phasen, in denen Kinder die Musik am notwendigsten brauchen und sie am bildsamsten wirkt, wird sie am meisten vernachlässigt oder dem Geldbeutel der Eltern überlassen. Das ist paradox, unpolitisch und unverantwortlich in höchstem Maße, gerade heute, wo wir um die Wirkkräfte der Musik auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wissen.
Erik Hörenberg: Die BDO möchte gerne in Ihrem Namen eine Botschaft an die Verantwortungsträger in Gesellschaft, Verwaltung und Politik entsenden. Wie sollte diese Botschaft lauten?
Prof. Dr. Hans Günther Bastian: Laienmusik steht als Synonym für musikalische Bildung und Kultur auf denkbar breitester Ebene, sie ist der Inbegriff aller nichtprofessionell musikalisch aktiven Menschen. Laienmusizieren leistet eine musikalische Bildung und bietet die Chance zu kultureller Selbstverwirklichung und sozialer Integration, wie sie von keiner anderen staatlichen Einrichtung in dieser Breite und Vielfalt angeboten oder gar geleistet werden kann. Im Musizieren gewinnt die Musik ihre Kraft zum Widerspruch auch gegen konsumistische Strömungen in unserer Gesellschaft zurück. Es läuft dem allgemeinen Trend zur Individualisierung und mehr noch zur Anonymisierung, zur Beschleunigung des Lebens im galoppierenden time is money, zur Flüchtigkeit im alltäglichen business as usual zuwider und bringt Menschen in ein musiksoziales Kollektiv.
Das eigene Musizieren versteht sich zudem als sinnlichkeits-fördernde und sinn-erfüllende Freizeitgestaltung, als Befriedigung des menschlichen Spieltriebs – ohne sich zuvor als Spielfigur im PC einscannen zu müssen, ja letztlich als Verbindung zu den Werten unserer Kultur. Im Laienmusizieren machen wir junge Menschen zu “Schöpfern von Kultur”, in der sie unmittelbar erfahren können, dass nicht allein der Fernsehsender Viva Musica ist, sondern Musica Viva. Jeder musizierende Mensch, ob als Kleinkind oder mit 60 + kann sein eigener MP3 Player sein.
Mein emphatischer Appell auch auf dem Hintergrund der nachgewiesenen positiven Wirkungen des Musizierens auf die Persönlichkeitsentwicklung: Lasst unsere Kinder und Jugendliche musizieren aus Gründen ihrer natürlichen Begabung zur Musik. Wer musizierende Kinder beobachtet, sieht ihre angeborene Freude an der Musik. Diese erleben zu lassen, heißt sie leben zu lassen.
Vom Schweizer Theologen Leonhard Ragaz stammt die Zeitkritik: “Der Geist der Gewalt ist so stark geworden, weil die Gewalt des Geistes so schwach geworden ist”. Ich bin fest davon überzeugt, dass - trotz aller zitierbaren Gegenbeispiele - der Geist der Musik und des Musizierens zur Befriedung der Gesellschaft und damit zu ihrer Humanisierung einen einzigartigen und unverwechselbaren Beitrag leisten kann.
Wenn es Maßstab effizienter Kultur- und Bildungspolitik ist, zum rechten Zeitpunkt am richtigen Ort in vertretbaren Maßstäben zu investieren, dann gehören Laienmusikvereine in einer Prioritätenliste auf die vorderen Rangplätze. Subventionen in Laienmusikkultur sind wichtige Voraussetzungen für die Regeneration von Menschen in lebenswichtigen Spielräumen, sie sind Investitionen und keine Ausgaben.
Erik Hörenberg: Vielen Dank Herr Prof. Dr. Bastian für das Gespräch.
Umzug des Hohner-Konservatoriums in den Bau V
Das Sommersemester hat bei uns bereits vor einigen Wochen begonnen. Es wird, wie wir seit dem vergangenen Jahr wissen, das letzte Semester unserer traditionsreichen Kultur- und Bildungseinrichtung in den Räumlichkeiten des „Konservatoriumsgebäudes“ sein. In der vergangenen Woche haben sich hinsichtlich der Finanzierung der neuen Räumlichkeiten im Bau V weitere sehr positive Entwicklungen ergeben und ich glaube, dass vor diesem Hintergrund nun auch für die breitere Öffentlichkeit skizziert werden kann, in welchem Zeitrahmen sich die weiteren Abläufe abspielen werden. Das Sommersemester wird noch ohne jegliche Einschränkungen im derzeitigen Gebäude stattfinden. In dieser Zeit werden die neuen Räumlichkeiten im Bau V abschließend für die Notwendigkeiten des Hohner-Konservatoriums ausgebaut. Darin eingeschlossen sind beispielsweise auch die raumakustischen Maßnahmen, die für eine Musikausbildungseinrichtung von ganz besonderer Bedeutung sind. Geplant ist im Weiteren, dass in der letzten Semesterwoche – annähernd vor dem Ende der Prüfungsphase – der eigentliche Umzug stattfindet. Dies bedeutet, dass wir zum Wintersemester 2009/2010 im September dieses Jahres in den neu sanierten und qualitativ hochwertigen Räumlichkeiten nach der wohlverdienten Sommerpause unsere Arbeit wieder aufnehmen werden können! Und dies ist eine sehr gute Nachricht für das Hohner-Konservatorium.
Selbstverständlich muss man immer auch damit rechnen, dass sich Planungen aufgrund von sich ändernden Rahmenbedingungen nicht ganz so wie gewünscht umsetzen lassen (man muss sich nur die kaum fassbare derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise vor Augen führen). Hinsichtlich unserer Kauf- und Umzugspläne schätze ich jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Gefahr einer noch notwendig werdenden Änderung der Planungen als sehr gering ein. Wir sind allgemein sehr gut aufgestellt und das neue Raumkonzept ist wie ich meine sehr gut, nachhaltig durchdacht und überzeugend. Finanziert wird das „neue Hohner-Konservatorium“ durch die drei Träger Stadt Trossingen, Matth. Hohner AG und Landkreis Tuttlingen, sowie – und das ist die sehr gute Nachricht - auch über Zuschüsse des Kultusministeriums des Landes Baden-Württemberg. Unser zukünftiges Raumkonzept sieht zudem eine Kooperation mit der privaten Musikakademie KunstWerk B vor, die sich wenige Meter vom Bau V entfernt befindet. Schauen Sie sich doch einmal beide Gebäude im Internet an:
Wenn Sie Fragen zu unserer räumlichen Veränderung in diesem Jahr haben, so können Sie natürlich jederzeit sehr gerne auf uns zukommen!
